Thomas Feuerstein. Metabolica
zurück.„Wir schreien Materie und werden zum Echo der Dinge“
Metabolische Kreisläufe, digestive Loops und biochemische Skulpturen in Thomas Feuersteins Metabolica
Die Installation verdaut sich selbst. Lebendige Maschinen und Organismen – Algen und Bakterien formen und zersetzen Skulpturen. Ein Labor der Spekulation: Prozesse der Transformation, Konfiguration, Sedimentierung, zwischen Anfang und Ende, anschließend alles wieder von vorne. Ein „Metabolica-Zyklus“ durchläuft hier fünf Kapitel, als Assemblage von technologisch-biochemischen Akteureninnen, die ineinander übergehen. Flüssigkeiten durchlaufen Schläuche, Glaszylinder und Steuerungssysteme geben Einblick in den Bewegungsapparat materieller Körper. Der Stoffwechsel von Mikroorganismen dient als Grundlage für neue Materialien: alternative Erzählungen, die sich mit der Agency von Materie auseinandersetzen, von der Industriellen Revolution bis in die Gegenwart, vom Walfang bis zu aktuellen und zukünftigen Szenarien der Biochemie. Gleichzeitig erfolgt hier ein Aufruf zur Transformation von symbolic thinking hin zu metabolical thinking. In molekularen Prozessen zeichnen sich biochemische Strategien der Kunstproduktion ab: Wortspiele, Sprachdrehungen, Versetzung von Buchstaben. Man nimmt Konturen von Gespenstern oder Mickey Mouse wahr, in verschiedenen Erscheinungsformen zwischen Spiegelung und Zeichnung. Der Sound von technischen Abläufen ertönt als Echo im Raum. An der Wand ein Universum von Tuschezeichnungen, Kante an Kante, darunter die „Metabolica Map“, auf der Worte und Bedeutungen sich drängen und verbinden. Symbole werden hier zu Metabols.
Metabolica von Thomas Feuerstein im Wiener MQ Freiraum ist angelehnt an das Prinzips des Stoffwechsels von chemischen Stoffen im Körper. Metabolische Zyklen finden sich auch in zeitgenössischen Ökonomien, in den Ketten von Warenherstellung und Distribution, zwischen Geschichte und Gegenwart. Die im Jahr 2017 konzipierte Arbeit wird seit 2020 durch ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Ingenieur*innen unterstützt. Als Forschungsziel setzt Metabolica, neben seinem künstlerischen Anspruch, auf die Nutzung von Kohlenstoffquellen aus Abwasserströmen zur Herstellung von PHB, das in Böden und Gewässern vollständig abgebaut wird. In Bezug auf eine anvisierte bioökonomische Wende ergeben sich daraus Fragen wie:
How to connect art with the real?
How to use art as a tool for change?
How to look a metabolic art?
Die Erzählung beginnt mit der Photosynthese. Am Anfang steht HYDRA, ein Hybrid aus U-Boot und gestrandetem Wal. In Schläuchen, die aus dem skulpturalen Körper austreten, zirkuliert eine grüne Flüssigkeit, ein Lebenselixier in sichtbarer Transformation. In einem Röhrensystem entstehen Grünalgen (Chlorella vulgaris), die gefiltert durch Adern-ähnliche Verbindungen zur nächsten Skulptur, FATTY FANTASY, gepumpt werden. Dort bilden die Algen durch eine spezielle Nährstoffzufuhr und aufgrund des Stickstoffmangels im Wasser Fettsäuren in ihren Zellen. Die Schläuche liegen ab da am Boden und formen Wege und Verbindungslinien. Der Bauch des Skulpturenpaares „MR. und MRS. MOL“ dient als Bioreaktor für die Kultivierung von Bakterien, die auch in der Natur vorkommen – a story written in molecules of life and death. Hier wandeln Bakterien wie Cupriavidus necator die Fettsäuren der Algen in den Kunststoff PHB (Polyhydroxybutyrat) um. Dieser verhält sich im Hinblick auf seine technische Nutzung ähnlich wie Polypropylen. Der erdölbasierte Kunststoff Polypropylen ist der industriell am zweithäufigsten genutzte Kunststoff, aus dem Handyhüllen, Stoßstangen, Armaturenbretter und andere Massenprodukte hergestellt werden. Der Abbau und die Zersetzung dieses Kunststoffs erstrecken sich über viele Jahrzehnte, PHB könnte ihn ersetzen.
Die Kultivierung von PHB erfolgt in einem zweistufigen Prozess unter Verwendung verschiedener Nährstoffe. Zunächst werden die Oberflächen abgetragen, der Kunststoff zerfressen und abgebaut, wobei Bakterien und Algen als Kollaborateure fungieren. In der kreisförmigen Bewegung der Installation sind sie sowohl Produzentinnen als auch künstlerische Akteurinnen. In der Metaphernwelt der Kunst sind diese bakteriellen Kollaborateure Stein und Meißel zugleich, die eine Skulptur in oder aus der Form bringen. Skulpturen sind hier nicht Endprodukte, sondern verkörpern einen Teil des Kreislaufs – a digestive loop. Die visuelle Darstellung des PHB-Moleküls erinnert an einen Geist und erinnert an eine historische Gleichzeitigkeit der 1920er-Jahre: die Erfindung von Mickey Mouse und das Aufkommen der Petromoderne. REFINERY, eine Apparatur aus Glaskolben, Schläuchen und Filtern, dient als Reminiszenz an eine petrochemische Raffinerie.
Das dritte Kapitel ist der Extraktion von PHB aus der zuvor erzeugten bakteriellen Biomasse gewidmet. Der Kunststoff wird hier aufbereitet, raffiniert und mit einem 3D-Drucker zu Skulpturen und Objekten geformt. MOBY DICK, eine umgebaute Ölpumpe, sorgt für den Wasserkreislauf von FATTA FANTASY. Das Gesicht der wiederkehrenden Geisterfigur Mickey Mouse verleiht der Ölpumpe einen popkulturellen Charakter.
Schließlich reflektiert das letzte Kapitel „Whole Death Catalog & Good Rotten Goods“, eine Wortvariation in Anlehnung an den Whole Earth Catalog, den Übergang von der Ressourcenknappheit zur Kreislaufwirtschaft. ANACLE, eine 3D-Druckmaschine, visualisiert das gewonnene PHB in Glasbehältern, die wieder mit flüssiger Bakterienkultur gefüllt werden. Das Pulver wird geschmolzen und extrahiert, die Skulpturen thermoplastisch modelliert. Eine Assemblage der in diesem Zyklus entstandenen Skulpturen wie CRAWLER oder FINNEGAN’S WHALE stehen im Raum, wachsen über die Muttermaschine hinaus. Manche Körperteile sind in Reaktorgefäße getaucht, als Übergang zwischen Verdauung und Auflösung. Die Dichotomie zwischen zeitgenössischer Skulptur und chemisch-technologischen Prozessen verschmilzt hier zu einem einzelnen Körper. In AHEAD und SUN SPEAKS wird der Zersetzungsprozess, der ohne Feuchtigkeit und Bakterien nicht möglich ist, unterbrochen. Materielle Partikel liegen als Rückstände im trüben Wasser, auf ihren Oberflächen breitet sich eine Art Vergessen aus. Sie visualisieren den Moment, in dem sich der Kreislauf schließt – die Skulpturen werden nicht nur geformt, sondern auch wieder zersetzt.
In seiner Grundstruktur verweist Metabolica auf die Figur des Ouroboros, einer Schlange, die sich selbst verschlingt – ein oft zitiertes Symbol für zyklische Zeit, Autarkie und Transformation. Auch in der häufig zitierten alchemistischen Symbolik steht der Ouroboros für den Kreislauf von Auflösung und Neubildung, für das Ineinanderfallen von Anfang und Ende. Der Begriff Ouroborcracy findet sich in den Skizzen wieder und formuliert in der Logik des Kreises eine Aufforderung zur strukturellen Alternative, zur Auflehnung gegen Linearität. Feuerstein überträgt diese Figur in die technologische Gegenwart. Energy, Economy, Matter, Information und Politics erscheinen als ineinander verknotete Zyklen. In A Letter to Death and Dearness of Life heißt es: Wir wollen nicht linear wachsen. Wir wollen zyklisch leben. Wir sind Materie und Form. Wir nähren uns von Entropie. Wir schaffen Kunst aus Energie und Information. Wir sind Ourobokratie. In diesem Sinne kann die Installation als ein ökologisch-technologischer Ouroboros verstanden werden, ein installatives System, das sich selbst nährt, zersetzt und regeneriert. Die Figur findet sich auch als versteckter Hinweis in den Tuschezeichnungen. Metabolica ist ein in sich geschlossenes System, das seine Energie aus der eigenen Auflösung bezieht, das Anfang und Ende ineinander überführt, durchlässig macht, zirkulieren lässt. Digest the old world, take a dump and move to a new one.
Thomas Feuerstein – Metabolica, MQ Freiraum, Wien, 18.09.2025 bis 01.02.2026.