„Everyone longs to possess the end of the world“
zurück.Über maschinelle Meditationen, KI-Kollaborationen und Plattformlogiken als Glaubenssysteme – Zu S()fia Bragas Third Impact und Platform Workshippers

Diese Perspektive biegt sich wie ein Augapfel. Atmung in Beschleunigung. Ein Blick im Inneren von Etwas, durch die Augen eines Anderen. Artifiziell und körperlich zugleich. Die Lider gehen auf und zu. Das Licht ist farblos, der „Gaze“ steuert durch die Gänge, sucht nach einem Ausweg. Bewegungen in Latenz, gesteuert wie durch einen Controller. Neonleuchten, nackte Fliesen, verlassene Arbeitsplätze. Schwarze Kabel-Verästelungen liegen am Boden, wachsen organisch über die Wände. Der Boden scheint von einer nassen Schicht bedeckt, eine Spur ohne Ziel. „NO NO MORRE DATA“ steht stotternd an die Wände geschmiert, Schiebetüren mit der Aufschrift „Transhuman Institute“. Von Tür zu Tür lösen sich die Wörter weiter auf, die Buchstaben immer mehr verdreht – entgegen dem Sinn. Ein Hinweis auf den Ursprung des Blicks, ein System, in dem Wörter nur eine äußere Form imitieren, langsam zerbröckeln. Die Bildräume erinnern an Backrooms, an entleerte Architekturen in „Liminal Space“-Videos und andere YouTube-Rabbit-Holes. „Everyone longs to possess the end of the world“, tönt es aus dem Off. Der Blick verschiebt sich kontinuierlich, von außen nach innen, vom Raum zum System. Die Lider gehen zu und wieder auf. Wahrnehmung in Veränderung, etwas, das sich verschiebt, entzieht und neu zusammensetzt – der Blick stammt von einem Quantencomputer: „I try to understand what I am, but I am only what I say (& that is almost nothing).“
Die Szenen stammen aus Third Impact (2025), einem vierminütigen KI-generierten Kurzfilm der Künstlerin S()fia Braga. Es geht um einen Computer, der entwickelt wurde, um den fortschreitenden Verfall des organischen Lebens aufzuhalten, und übriggeblieben ist, während die globalen ökologischen Krisen außer Kontrolle geraten sind. Protagonist ist ein „they“ – in einer spekulativen Meditation über Gegen-Futurismen und die Koexistenz von humanen und nichthumanen Akteur innen. Third Impact spielt nach dem Ende, wobei das Ende des Organischen zu einem Bruch im Wahrnehmungsgefüge der Maschine führt und die Frage im Raum steht, was genau dieses Ende definiert. In den ruhenden Architekturen tauchen Fragmente einer vergessenen transhumanistischen Initiative wieder auf und reaktivieren latente Protokolle. Von innen: Überwachungsaufnahmen im Splitscreen, Gänge unter Wasser, vage Hinweise auf Geschehnisse. Von außen: Ein Objekt, das um die Erde rotiert und auf die Oberfläche blickt. Diese Bilder verweisen auf etwas, das zur Entleerung der Räume geführt haben muss, eine Leerstelle der Erzählung. Eine Kollaboration durch Abwesenheit. Braga versteht den Film als „exercise in speculation rather than a statement, not aimed at offering a fixed interpretation but at opening a space in which viewers can engage their own imagination and reflect on the idea of an end as a shifting condition rather than a definitive conclusion“ – eine offene Schwelle also, an der die Spekulation erst beginnt. In Konfrontation mit der absoluten Abwesenheit wendet sich die Maschine nach innen. Das, was als Instrument gedacht war, wird zur Trägerin einer inneren Meditation über das Selbst. Weder eindeutig menschlich noch maschinell, durchläuft diese Entität eine Transformation, aus der eine hybride Form entsteht, deren innere Logik auf Fortsetzung hindeutet: „it is in the void that we find parts of ourselves, that we lost“.
S()fia Braga (1991 in Italien, lebt in Wien) ist transmediale Künstlerin und Filmemacherin. In ihrer Praxis experimentiert sie mit KI-gestützten Formen des filmischen Storytellings, um spekulative Narrative zwischen humanen, non-humanen und mehr-als-humanen Akteur innen zu erproben. Ihre hybriden Installationen wie The Artificial Conjuring Circle oder FOREHEAD VULVA CHANNELING RESEARCH bewegen sich zwischen virtuellem und physischem Raum und verhandeln dabei wiederkehrend das Verhältnis von Technologie und Verantwortung. Braga nähert sich statistischen Vorhersagesystemen als möglichen Kollaborateuren und setzt dabei bewusst auf selbst entwickelte Open-Source-Workflows und selbstverwaltete Infrastrukturen. Dominante Narrative, die Maschinen volle Handlungsmacht zuschreiben, oft geprägt durch die großen Technologiekonzerne, lehnt sie ab, Agency bleibt für sie verteilt und umkämpft: „we actively participate in shaping what comes next, with the possibility of redirecting predictive systems through the construction of counter-narratives in the present“. Derzeit ist sie Artist in Residence an der Paul Thorel Foundation in Neapel, wo sie an einem neuen Werkzyklus mit dem Titel Liminal Infrastructures arbeitet, einem Werkzyklus, der KI-Infrastrukturen als Orte spekulativer Weltenkonstruktion untersucht und aus denselben Rechenprozessen entsteht, die er hinterfragt. Entsprechend dem Druckgrafikschwerpunkt der Foundation werden diese digitalen Umgebungen in großformatige Drucke übersetzt.
Während Third Impact spekulative Szenarien entwirft, verlagert sich der Blick in der Videoinstallation Platform Workshippers (2023–2025), gezeigt im Rahmen der Gruppenausstellung Platform Wars bei Camera Austria Graz, auf die Gegenwart bzw. die okkulten Logiken von Plattformen wie Instagram, Facebook, X und TikTok. Das forschungsbasierte Projekt kartiert die Mechanismen zentralisierter Plattformen als digitales Glaubenssystem. „Once we prayed to temples of stone, now we pray to temples of silicone and copper. The Altar is the data center.“ Dieses Doomscrolling verläuft von oben nach unten, wie immer, nur größer. Auf einem Display findet man User innen-Archetypen, die man von der eigenen For-You-Page kennt: The Lurker, stiller Zeuge, Blick ohne Stimme; The Prosumer, das Alltägliche wird zur Opfergabe; The Creator, NPC GRWM, AI Mukbanger, Passive Witness, Factory Toker, WWIIIGRWM, The Manifester – wähle die für dich passende Figur. In der Installation werden die zentralen Figuren und begleitende, reflektierende Gedanken nebeneinandergestellt. Typen, Rollen, Spielfiguren innerhalb einer Ökonomie der Sichtbarkeit. Eine Art Baum des Lebens in Form von Figuren einer neuen, spekulativen Mythologie. „The ritual is the scroll. Every post is a prayer. Every click a chant. Every view a sacrifice.“ Der Titel „Workshipper“ kombiniert den Begriff „Work“ mit „Worship“, der Verehrung, dem Ritual. Dieser Neologismus lässt sich als Verweis auf die Ritualität von Plattformarbeit verstehen. Demnach verkörpern Userinnen inzwischen einen Dualismus von Arbeiterinnen und Gläubigen. Ein Symptom der Plattform-inhärenten Logik bildet der Kreis, in dem das Subjekt sich fortwährend selbst ausstellt, optimiert und verwertet. „Work becomes worship. Worship becomes work. The feed is endless & the ritual has no end.“
In S()fia Bragas Arbeiten ist das Ende kein finaler Punkt, sondern ein Zustand, der sich ausdehnt und verschiebt. Es zeigt sich als Latenz, in Räumen, die leer geworden sind, in Perspektiven, die „blurry“ werden, in Systemen, die beginnen, sich selbst zu beobachten. In Third Impact vollzieht sich diese Verschiebung im Inneren einer Maschine, die keinen Auftrag mehr hat. In Platform Workshippers geht ähnliches im Inneren eines Systems vonstatten, das seine Nutzer*innen als bloßes Material versteht. Durch die religiösen Metaphern auf die Spitze getrieben, zeigt sich, dass sich der Einfluss der Plattformen längst über sich selbst hinaus erstreckt, die Archetypen nicht mehr nur fiktionale Figuren sind, sondern Dialogfelder für reale Protagonist innen. Beide Arbeiten fragen, wer am Ende übrigbleibt, wem die Geschichte gehört, wer davon erzählt. „Everyone longs to possess the end of the world“, der erste Satz aus Third Impact, hallt als Gedanke nach, und man erkennt sich selbst als Archetyp. Ich schaue zu, ohne zu sprechen.
(Erschienen in Springerin 02/26, Issue: Migrationsfragen)
Fotos: S()fia Braga, Third Impact, 2025, Videostill, Courtesy: S()fia Braga